Simone Haack

Fiktionale Porträts und Schlafdarstellungen

(Ausschnitt aus der Eröffnungsrede zur Ausstellung im Ahnensaal der Burg Kniphausen Wilhelmshaven, September 2008)
Stefanie Böttcher, Künstlerhaus Bremen

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„Es handelt sich bei den hier ausgestellten Bildnissen um sogenannte „fiktionale“ Porträts. Doch fiktional bedeutet diesmal nicht einfach, dass es frei erfundene Motive sind. Denn Ausgangspunkt für jede Arbeit ist tatsächlich eine Fotografie, die allerdings zahlreiche Veränderungsprozesse durchläuft. „Fiktional“ verweist hier vielmehr auf die phantastischen Naturen der Bilder, deren Atmosphäre und die so irreal wirkenden Protagonisten. Es fällt uns allen sofort auf, dass die Porträtierten uns in dieser Form niemals begegnen würden. Was ist es aber, das sie uns als so fremd erscheinen lässt? Zum einen sind es die Bildgründe oder auch nur reine Belichtungssituationen, in denen die Wesen verortet sind. Oftmals strahlen diese eine enorme Kälte, Fremdartigkeit aus, die bis ins Surreale drängt. Das bildimmanente Licht und dessen Schattenwurf erinnern manchmal sogar an die Lichtregie, die wir aus Science-Fiction-Filmen kennen. Dann sind es die Körperhaltungen der Personen und deren Blicke. Kaum eine sucht direkten Blickkontakt zum Betrachter und sogar bei dem frontal eingefangenen Jungen, der grimmig aus dem Bild heraus schaut, scheint es sich um einen Blick zu handeln, der eigentlich in eine andere Welt, zu einem unsichtbaren Gegenüber schweift. Bildwelt und die Welt des Betrachters sind also streng voneinander getrennt, eine Überschneidung findet nicht statt. Und nun zu dem offenkundigsten Unterschied zwischen Darstellung und Ausgangsbild: Die abgebildeten Kreaturen selbst scheinen einem fernen Kosmos zu entstammen. Die Physiognomie ist zwar täuschend echt, doch schlägt sich in dem Inkarnat weitaus mehr nieder, als man normalerweise zu lesen fähig ist. Die Hautfarbe wechselt von einem blassweißen Farbton über rötliche bis hin zu tief bläulich-violetten Verfärbungen. Die Assoziationen von Fleisch in verschiedenen Zerfallsstadien oder wie auch immer gearteten Verletzungen drängen sich prompt auf. Es geht ein irrealer Schmerz von den Gesichtern aus, der sich aus dem Inneren der Dargestellten auf deren Haut niederschlägt. Haut, Augen und Gesichtszüge insgesamt transportieren tiefer liegende Gedanken, Empfindungen wie auch Zustände der Personen. Was Sie hier in Form von Bildnissen sehen, sind also sämtlich Projektionsflächen für psychische Befunde und Befindlichkeiten. Sie sehen Wesen in ihrer physischen und psychischen Existenz. Dabei ist die möglichst genaue Porträthaftigkeit ganz nebensächlich. Die Fotografie eines Menschen ist zwar Ausgangspunkt, wird aber nicht nur vor der Übernahme ins Medium stark verändert, sondern die eigentlich stärkste Wandlung des Ausgangsmotivs tritt ein, wenn es darum geht, die innere Gefühlswelt, eine psychische Verfassung der Figuren auf den Malgrund zu bringen. Und dieser Schritt macht Simone Haacks „Gesichter“ komplett autark von der realen, ehemals fotografierten Person. Sie verbleiben nicht im Individuellen, sondern vielmehr wird auf allgemeingültige menschliche Daseinszustände und Gefühlsmomente abgehoben.

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Die ebenfalls ausgestellten Schlafdarstellungen sind eng an die beschriebenen Gesichter gebunden – so transportiert das Inkarnat ebenfalls die innerliche Verfasstheit der Figuren. Sie gehen aber gleichzeitig einen Schritt weiter, indem zum einen die Umgebung stärker einbezogen ist – die Personen bewegen sich durch fremde, karge Landschaften, die ebenso verlassen zu sein scheinen wie die Dargestellten isoliert für sich stehen. Zum anderen liegt das Hauptaugenmerk auf den Haltungen und Bewegungen der Akte. Entblößte Frauen schreiten schlafwandlerisch durch rätselhafte Landschaften, bewegen sich wie von einer fremden Macht gesteuert oder schweben schwerelos zwischen zwei Zuständen. Schlaf manifestiert sich in der Haltung der Figuren, aber auch in deren Aktionen als Akteure ihrer Träume – es bleibt also bewusst offen, in welcher Realitätsebene sich die Agierenden befinden. Zu sehen sind ungewöhnliche Körperhaltungen oder Aufsichten auf Körper, die zugleich völlige Ausgeliefertheit wie auch komplette Abschirmung zeigen. Teils in Embryonalhaltung, teil ausgestreckt auf einer Bettstatt trifft Zwanglosigkeit auf höchste Anspannung, vermitteln die Protagonisten Schutz und Schutzlosigkeit. So werden existentielle Erfahrungen eines jeden Menschen veranschaulicht. Dies verdeutlicht auch der Verzicht auf nähere Beschreibung der Figuren, z. B. mittels Attributen, Kleidung und Frisur, die einer bestimmten Zeit zuzuschreiben sind. Fiktionale Gesichter und Aktdarstellungen sind also das zentrale Moment der Arbeiten von Simone Haack ohne ablenkendes Beiwerk.

Die Landschaftsdarstellungen schließlich führen die atmosphärische Wirkung der Gesichter und Akte fort, indem sie Formvokabular und Farbigkeit derselben übernehmen. Nur ist es diesmal die Landschaft, die solitär, menschenleer dasteht. Es geht eine Temperatur von diesen Werken aus, die mal zu klaustrophobischen Verengungen, mal zu haltlosen Erweiterungen führt – so entstehen auch hier Psychogramme der Schöpfung.“